Marianne Seger

Autor: Marianne Seger

 

 

 

 

Fördern unser Lebensstil und die damit verbundene Ernährung die Entstehung von Gingivitis? Darauf deuten zumindest zwei Studien hin.

Baumgartner, et al1 untersuchten die Mundgesundheit von zwei Familien, die für eine Fernsehsendung einen Monat lang unter steinzeitlichen Bedingungen lebten. Das bedeutete steinzeitliche Kost und den Verzicht auf häusliche Zahnpflege mit Zahnbürste und Zahnpasta. Die Ergebnisse sind verblüffend. Obwohl bei fast allen Teilnehmern des Experiments eine ausgeprägte Plaquebedeckung der Zähne zu beobachten war, zeigte sich eine deutliche Abnahme der BoP-Werte im Vergleich zur Baseline. Weiterhin wurde klar, dass die Kolonisation mit Tannerella forsythia nach vier Wochen signifikant reduziert war – und das ohne Antibiotika oder Chemotherapeutika.

Archäologische Untersuchungen an Schädeln und Gebissen aus der Jungsteinzeit stützen die Ergebnisse aus der Baumgartner-Studie. Adler, et al.2 gelang es, die bakterielle DNA aus Zahnstein von ca. 7000 Jahre alten Zähnen der Jäger und Sammler zu analysieren. Das Ergebnis der Analyse zeigt, dass die Menschen damals dreimal so viele unterschiedliche Bakterienarten in ihrem Mund hatten und parodontal gesund waren.

Die Untersuchung weiterer Zahnsteinproben zeigte, dass es mit dem Beginn des Ackerbaus, der zu einer deutlichen Einschränkung der Ernährungsvielfalt führte, zu einem drastischen Rückgang der bakteriellen Vielfalt kam. Weiterhin kann man bei diesen Gebissen bereits parodontitisbedingte Alveolarknochenverluste erkennen.

Kann zusammenfassend also gesagt werden, dass unsere Ernährungsweise und unser Lebensstil zu einem Rückgang der Bakterienvielfalt in unserem Mund führen und damit die Gefahr eines Überwachsens der pathogenen Bakterien entsteht? Kann weiterhin angenommen werden, dass nicht Plaque per se Zahnfleischentzündungen auslöst, sondern dass die Zusammensetzung der Plaque eine nicht unerhebliche Rolle spielt? Es gibt viele Anzeichen, die dafür sprechen!

Salatsaftextrakt gegen Gingivitis

Können wir durch unsere Ernährung nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch die Zu- oder Abnahme spezifischer Keime oder Keimgruppen steuern? Dass faser- und ballaststoffreiche Kost gesundheitsförderlich ist, wird schon seit Längerem propagiert. Die Umstellung der Ernährung und eine Änderung des Lebensstils, der das Wachstum von essenziellen Schlüsselkeimen im Körper begünstigt, ist nach aktuellen Erkenntnissen ein zentraler, ursachengerichteter Ansatz zur Kontrolle von chronisch-entzündlichen Zivilisationserkrankungen.

Dies zeigen auch neue Daten aus einer randomisiert-kontrollierten Studie, die an der Universität Würzburg durchgeführt wurde3: Hier wurden 44 parodontal erkrankte Recallpatienten mit leichter bis mittelschwerer Gingivitis rekrutiert. Alle Patienten erhielten eine parodontale Erhaltungstherapie ohne weitere Mundhygieneinstruktionen und tranken über einen Zeitraum von 14 Tagen dreimal täglich ein Salatsaftgetränk. In der Testgruppe, die ein nitratreiches Getränk erhielt, wurde die Nitrataufnahme um ca. 200 mg Nitrat/Tag erhöht. Alle Patienten hielten eine strenge nitratarme Diät ein. Die Ergebnisse nach 14 Tagen sind verblüffend. Es ergab sich ein signifikanter Unterschied der mittleren GI-Werte (GI-gingivale Entzündung) in der Nitratgruppe gegenüber der Kontrollgruppe.

Kohlenhydratreduzierte Kost senkt Entzündungsparameter

An der Universität Freiburg4 änderten zehn Probanden vier Wochen lang ihre Ernährung. Die neue Ernährungsweise war kohlenhydratreduziert, reich an Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D und Vitamin C. Ebenso sollten Antioxidantien und Ballaststoffe enthalten sein. Die Kontrollgruppe änderte ihr Ernährungsverhalten nicht. Auch hier konnte gezeigt werden, dass, obwohl die Plaquewerte bei beiden Gruppen konstant blieben, die gingivalen Entzündungswerte (GI), Blutung auf Sondieren (BoP) sowie die parodontale Gesamtentzündungsfläche (PISA) um etwa die Hälfte abnahmen. Diese Reduktion war signifikant unterschiedlich im Vergleich zur Kontrollgruppe.

1) Baumgartner, et al. The impact of the stone age diet on gingival conditions in the absence of oral hygiene. J Periodontol 2009; 80:759-768.

2) Adler, et al. Sequencing ancient calcified dental plaque shows change in oral microbiota with dietary shifts of the Neolithic and Industrial revolutions. Nat Genet 2013; 45:450-455.

3) Jockel-Schneider, et al. Stimulation of the nitrate-nitrite-no-metabolism by repeated lettuce juice consumption decreases gingival inflammation in periodontal recall patients. J Clin Periodontol. 2016; 43:603-608.

4) Wölber, J. et al. Entzündungsparameter reduzieren. Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten, klinischen Studie. Jahrestagung der AfG, Mainz, 7.- 8. Januar 2016.